• Caroline Wolfer

Wer bist du?

Aktualisiert: Okt 26


So, so", sagt die Alp. "Du bist also ein Mensch."

Der Mensch erschrickt: „Wer bist du?“

„Ich bin die Grösse selbst. Die Demut. Die Allmächtigkeit. Die Liebe.“

Der Mensch schlägt die Augen hoch, schüttelt den Kopf und läuft weiter.

Da poltert es und ein Felsbrocken fliegt ihm vor die Füsse. Verärgert, dass ihm der Weg versperrt wird, klettert er drüber.

„Ich bin die Grösse selbst. Die Demut. Die Allmächtigkeit. Die Liebe.“ sagt die Alp.

"Warum wirfst du denn Steine runter, wenn du die Liebe bist?" schreit der Mensch.

"Damit du verstehst,“ sagt die Alp in weichem Ton.

„Was soll ich bitte verstehen?“ entgegnete der Mensch.

„Dass du das alles auch bist“. Die Alp atmet aus.

„Aber ich werfe niemandem Steine vor die Füsse!“ Der Mensch lief schneller und wollte endlich ans Ziel kommen. Da schoss plötzlich ein Platzregen los, dass es unmöglich war, den ansteigenden Fluss zu überqueren. Der Mensch, mit rotem Kopf, kniete vor dem Fluss und warf Steine hinein. Er wollte sich auf keine Diskussion mehr einlassen.

Nach einer Weile fragte die Alp: „Was machst du denn hier?“

Ich wollte zur Alphütte hinauf spazieren, aber jetzt hast du mir den Spass verdorben!

Und was machst du eigentlich hier, ausser andere zu nerven?“ sagte der Mensch.

„Ich bin die Grösse, die Demut, die Allmächtigkeit, die Liebe. Und ich verbreite Grösse, Demut, Allmächtigkeit und Liebe, indem ich bin und andere daran teilhaben lasse,“ sagte die Alp.

„Nein, du missbrauchst andere, um zu wirken.“ Der Mensch war böse.

„ Fels, Wasser, Wind, Bäume, Wiese, Tiere. Alle sind sie Teil von mir. Alle sind sie die Grösse, die Demut, die Allmächtigkeit und die Liebe. Alle leben sie von mir und mit mir. Und ich lebe von ihnen und mit ihnen, denn ohne sie wäre ich keine Alp.“

„Und ich, was tue ich denn hier? Dann bin ich wohl am falschen Platz?“ fragt der Mensch.

„Das habe ich dich am Anfang gefragt, und du wolltest zur Alphütte. Das kannst du jetzt nicht mehr. Aber du kannst Teil von mir sein. Die Grösse, die Allmächtigkeit , die Demut und die Liebe. Du hast die Wahl.“

Die Alp drehte sich um und ging.

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