Wie die Pflanze mit dem Fohlen. Lernen aus Erfahrung

Neuhuen, das Fohlen meiner argentinischen Stute Ilusion wurde in einer Vollmondsnacht, am 1. Februar 2018 geboren. Genau am Tag nachdem ich bei ihr in Mendoza  ankam und sie mit dem Hänger zum Kursort verlud.  Der Tierartz meinte, es dauere bestimmt noch 2 Monate bis das Fohlen „reif“ sei. Doch Neuhuen war schon reif und Ilusion liess ihn in meine Arme fallen.  So ein „Zufall“.
Von der ersten Minute an hat Neuhuen mir Sachen aufgezeigt und mir erklärt, wie ein Pferd im Leben lernt. „Ich solle gut aufpassen und dies in meine Kurse integrieren“, meinte er.
Ein paar Stunden nach der Geburt suchte er intuitiv das Euter seiner Mutter, dies auf Versuch und Irrtum und voran Tasten. Er putschte in alles Mögliche rein, suchte nicht nur Ilusion ab, sondern auch mich und Vieles rundherum. Bald fand er heraus, wie sich ein Euter anfühlte und dass da was rauskommen muss, das ihm schmeckt. Gelernt.

Am zweiten Tag beobachtete Neuhuen, dass seine Mutter an dem langen Zeugs, das vom Boden her aufragte, zupfte und es zerkaute. Das fand er spannend und probierte es aus. Er nahm alles mögliche heraufragende Längliche ins Maul und versuchte es zu zerquetschen. Nur hatte er noch keine Zähne im Maul und nach einer langen Kaugummiphase war er es müde, dass sich nichts verkleinerte und spukte es wieder raus.
Jeden Tag versuchte es Neuhuen aufs Neue, sich mit den störrischen so genannten Gräsern auseinander zu setzen. Die Gräser gewannen ein paar Tage lang, danach wuchsen Neuhuen kleine Zähnchen und er freute sich merklich daran, nun den Gräsern den Garaus zu machen. Doch: zu früh gefreut! Gras ist nicht gleich Gras!
Am nächsten Tag hatte Neuhuen eine Kolik. Er wälzte sich unruhig auf dem Boden, guckte gegen seinen Bauch, hüpfte nervös herum. Tierärzte kann man auf dem argentinischen Land nicht so schelll organisieren, also ist es angebracht, sich selber zu helfen. Ich beobachtete ihn eine Weile, liess seine Mutter ihn führen und stupsen, bis er sich beruhigte und auch nicht mehr alle möglichen Gräser ausprobierte. Was vermutlich passiert war, ist, dass Neuhuen zwar Ilusion abgeschaut hatte, dass man Gräser zerkauen kann, aber nicht welche! Und da Pferde nicht in einem Pflanzenbuch nachschauen können, welche Pflanzen pferdetauglich sind, musste der Kleine es selbst ausprobieren. Aus seiner Neugier wurde Vorsicht, aber er probierte es weiter, denn ein Pferd ernährt sich später von Gras. Und wenn er nicht lernte, welche tauglich sind für ihn und welche nicht, überlebt er nicht. So erlebte Neuhuen noch weitere kleine Koliken, bis er schliesslich immer genauer beobachtete, was denn die erwachsenen Pferde genau fressen und was nicht, und nicht einfach drauflos frass.

Mir fielen die Schuppen von den Augen, wie einfach und klar die Natur ist. Und was ich daraus lernen konnte: Sei neugierig aber nicht draufgängerisch und warte, bis die Zeit für gewisse Sachen reif ist. Schau gut ab von jemandem, der etwas gut kann, und beobachte genau, nicht oberflächlich. Wenn du nach einem Irrtum aufhörst und Angst bekommst, wirst du nicht überleben. Wenn du aus einem Irrtum nicht lernst, überlebst du vielleicht auch nicht.

Domestizierte Pferde haben oft nicht mehr die Gelegenheit, auf diese Weise zu lernen und weise zu werden, weil ihnen Vieles „vorgekaut“ wird. Sie können so die Verantwortung für sich nicht übernehmen und daran lernen, die Neugier wird gebremst und das Pferd kannTendenz zu Faulheit/Trägheit entwickeln.
Gleiches passiert mit „kleinen Menschen“ . Zuviel Kontrolle und ein fehlendes Lernen aus Irrtum schafft Frust und Ängste an, welche später zu Stolpersteinen werden können.

Danke Neuhuen! Eine Woche alt und so weise.      

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